Das denkende Herz

Die Tagebücher der Etty Hillesum

Etty Hillesum war eine niederländische jüdische Slawistik- und Psychologiestudentin, die nach ihrer Deportation nach Auschwitz im Jahr 1943 dort wenig später starb. In den Jahren 1941-1943 entstanden ihre Tagebücher.

Sichtbar wird der Weg einer Schriftstellerin, die angesichts der Unmenschlichkeit nicht in Resignation oder Haß verfällt, sondern auch in dieser historisch unvergleichlichen Entmenschlichung zur Bejahung des Lebens und zu einer folgenreichen Solidarität mit Tätern wie Opfern dieser Zeit findet.

Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgung, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes (…)….Ich finde das Leben schön und sinnvoll. Jede einzelne Minute.

Am 30. November 1943 meldete das Rote Kreuz ihren Tod in Auschwitz. Auch ihre Eltern und Brüder kamen ums Leben.

Grußwort von Muhterem Aras (MdL), Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg

Wir leben in einer Zeit, in der man die Kultur des Erinnerns nicht hoch genug schätzen kann. Die Schrecken des Nationalsozialismus mögen Jahrzehnte zurückliegen. Doch Hass, Ressentiments, antisemitische und fremdenfeindliche Strömungen gewinnen an Einfluss. Sie wirken in die gesellschaftlichen Diskurse hinein und werfen Fragen nach dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft auf. Das Grundgesetz und die Werte, die es verkörpert, geben Antworten auf diese Fragen. Artikel 1 unserer Verfassung lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Etty Hillesum verkörpert diesen grundlegenden Wert durch ihren persönlichen Reifungsprozess und ihre Haltung zur Welt. Angesichts der Entmenschlichung im Nationalsozialismus verfällt sie nicht in Hass und Resignation. Sie findet stattdessen zu tiefem Glauben, auch an die unveräußerliche Würde des Menschen. Etty Hillesum zeigt exemplarisch, dass Werte erst lebendig werden, wenn wir sie leben. Solidarität, persönliche Integrität, Menschlichkeit: All das bewies diese junge Frau inmitten des Grauen des Holocausts und entwickelte eine Strahlkraft, die bis in unsere Gegenwart reicht.

Muhterem Aras MdL
Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg

Zu den Tagebüchern der Etty Hillesum findet eine Reihe von Lesungen mit musikalischer Bearbeitung unter der Schirmherrschaft von Mutherem Aras, Landtagspräsidentin von Baden- Württemberg, statt.

Inszenierung

Die Inszenierung sieht die musikalische und szenische Umsetzung der Tagebücher Ettys als modernes Musiktheater vor.
Eine dramatische und musikalische Bearbeitung für Szene und Gesang mit Komposition für ein bis drei Instrumente werden in Auftrag gegeben.

Die authentische Geschichte von Etty Hillesum stellt im Rahmen der historischen Geschichte die ganz aktuellen Fragen: In welchen Kraftfeldern bewegt sich das Individuum in politisch verordnetem und legitimiertem Hass? Welche Möglichkeiten einer Haltung sind gegeben? Welche sind die Folgen für unsere Gegenwart aus den Erkenntnissen und Erfahrungen der Geschichte? Wie ist menschliche Grausamkeit zu ertragen, ohne den Glauben an das Leben zu verlieren?

Etty Hillesums kraftvolle Sprache weist hin auf ihre tiefe Verbundenheit mit der schöpferischen Kraft der Liebe im Individuum. Ihre inneren und äußeren Auseinandersetzungen in Konfrontation mit dem politischen Horror des Holocaust läßt den Zuschauer teilhaben an einem persönlichen Reifungsprozess unvergleichlicher Konsequenz und Stärke. So stellt Ettys Zeugenschaft als Chronistin dieser Zeit über die historischen Bezüge hinaus zutiefst aktuelle Fragen an die Maßstäbe unseres persönlichen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

Die Geschichte ihrer seelisch geistigen Entwicklung im Koordinatensystem der vergangenen Zeit ist ein exemplarisches „Drama“ in chronologisch aufgebauten Einzelszenen. Figur und Raum verändern sich im gemeinsamem Prozess. Angesichts des „entgleisten Lebens“ werden ihre Fragen und Antworten umso klarer und schärfer. Lebt Etty zu Beginn in einer scheinbaren„Normalität“ und einem intakten sozialen Netz, behauptet sie sich angesichts zunehmender Isolierung und Lebensbedrohung umso vehementer gegen den politisch verordneten und systematisierten Hass.

In dem nur von Angst besetzten Dunkel der Baracke wird eine „Leuchtspur“ sichtbar, die das Recht auf menschliche Würde und Zuneigung allen Widerständen zum Trotz praktiziert und damit aufrecht erhält. Für Etty ist Ausschwitz der letzte Ort einer Entscheidung für gelebte Solidarität.

In szenisch und musikalisch prägnanten „Wendepunkten“ werden die Wandlungsmomente ihrer Biografie herausgearbeitet. Ettys Persönlichkeit mit ihrer tiefen und eindrucksvollen „Grundmelodie ihres Lebens“ ist keine gerade Linie, sondern ein immenses inneres Ereignis.

Textliche und musikalische Wiederholungen und Vertiefungen, Nachklänge und Wiederaufnahmen sollen eine komplexe Struktur ihrer Seelenlandschaft aufzeigen.

Auch wenn Ettys „Grundmelodie“ unter diesen konkreten Vorzeichen entstanden ist, ist sie zeitlos. Sie beruft sich auf unverrückbare und im Tiefsten zeitunabhängige Werte gelebter Menschlichkeit, die trotz immenser Menschheitsgeschichte noch immer auf Verwirklichung warten.

Erleben wir Etty anfangs noch in einem jugendlichen Labyrinth chaotischer Selbstbefragungen, sexueller Turbulenzen sowie fraulicher Emanzipationsbemühungen wird sie durch persönlich einschneidende Begegnungen und Erfahrungen zu einer Schriftstellerin und ganz intensiven Chronistin ihrer und selbstverständlich übertragen auch unserer Zeit.

Ihr Thema inmitten der größten Grausamkeit: Das „Schlachtfeld der Seele“ im Einzelnen. Dem zeitlich entwachsenen Hass entgegentretend wird ihre Stimme die des „Trotz“! Gerade wegen dieses „Trotz“, gerade gegen diesen Hasses tritt sie ein für die Sprache und Entdeckung der universellen Liebe als Urkraft im Menschen. Viktor Frankls „Trotzdem JA zum Leben sagen“ ist dabei ein zentraler Bezug.

Ettys Sprache ist und bleibt Utopie, das Bild einer „neuen Zeit“ in der Seele des Menschen. Ettys Stimme bleibt Vision. Das Vermächtnis Ihrer Sprache und Erfahrung der menschlichen Liebe aus dem göttlichen Ursprung konnten die Nazis nicht vernichten, sie hat überlebt und uns trotz immenser Widerstände erreicht. Ihre spirituelle Kraftquelle ist und bleibt Politikum.

Die inneren Stationen Ettys finden mit und in den abstrakten Raumbildern ein künstlerisches Abbild. Mit ihnen soll der Zuschauer die innere Bewegung auf allen Ebenen von Gesang, Schauspiel, Bewegung und Raum sinnlich miterleben. Das Bühnenbild will sich in Form abstrakter Zitate orientieren an Räumen wie den »Voids« im Jüdischen Museum Berlin. Der Zuschauer wird „Wegbegleiter“.

Mitwirkende

Start-Information

Etty Hillesum: Lena Sutor- Wernich
Musik: Marco Bindelli, Lena Sutor-Wernich
Libretto: Olivier Garofalo
Dramaturgie: Anna Katharina Setecki
Bühnenbild: Silvio Motta
Regie: Ingeborg Waldherr

Impressionen der Premiere vom 20. Januar 2019

Presse & Stimmen

Start-Information

Chronistin ihrer Zeit wollte sie sein. Doch wie schreiben, wenn die Zeit aus den Fugen geraten ist? Frei nach den Tagebüchern der Esther Hillesum (1914–1943) erlebte das Publikum am Sonntagabend bei einer Uraufführung im Forum-Theater die Adaption ausgewählter Texte Hillesums in einem fordernden, anspruchsvollen Musiktheaterstück von beeindruckender künstlerischer Qualität.

Lena Sutor-Wernich ist Esther, genannt Etty, eine sich zwischen Höchstanspruch und Selbstzweifeln bewegende junge Autorin, emanzipatorisch und verspielt. Ihr emotionaler Bezugspunkt ist S.: ein verheirateter Mann, den sie herbeisehnt und der als stummer Maskenträger ihre klaustrophobische Einsamkeit für Momente durchbricht. Werke der Weltliteratur türmen sich auf einem Podest in fragiler Anordnung. Sie rutschen durcheinander, als die Nazis in Holland einmarschieren.

Marco Bindelli kommentiert die Katastrophe mit Kaskaden auf dem Konzertflügel. Seine Kompositionen für Piano, Gong und kleine Harfe haben ebenso starke Illustrationskraft wie Sutor-Wernichs Gesangspartien, die mit Sprechsequenzen abwechseln. Nichts verspricht an diesem Abend in der Regie von Ingeborg Waldherr wohlig oder stabil zu sein.

Inspiriert von Daniel Libeskinds Entwurf „Between the Lines“ zum Jüdischen Museum Berlin, hat Silvio Motta die kleine Bühne mit simulierten fallenden Wänden ausgestattet. Gelbe Fußbodenstreifen führen von der Bühne durch den ansteigenden Zuschauerraum bis zum Piano. Lena Sutor-Wernich, meist barfuß und in ein zartes, feminines Gewand gekleidet, singt mit sanftem Mezzosopran von der Macht der Liebe.
Hinter der Bühne grollt der Krieg, stumme Diener in stilisierten Uniformen bringen Botschaften. Humor blitzt auf, wenn Ettys Vater in einem Schreiben das aktuelle Radfahrverbot der Nazis für holländische Juden mit einem Rückgriff auf die jüdische Geschichte kommentiert: „In der Wüste mussten wir auch 40 Jahre ohne Fahrrad auskommen.

Später flattert der Deportationsbefehl in Esthers Leben. Die junge Intellektuelle teilt das Schicksal ihres Volkes; 1943 wird sie in Auschwitz-Birkenau ermordet. Der Luxemburger Olivier Garofalo hat die umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen, die 1981 unter dem Titel „Das zerstörte Leben“ in niederländischer und 1983 in Deutschland als „Das denkende Herz der Baracke“ in deutscher Sprache veröffentlicht wurden, sehr knapp gefasst. Erinnert wird an eine fast übermenschlich standhafte Frau.

Termine „Das denkende Herz“ ist im Forum-Theater nochmals vom 25. bis 27. Januar zu sehen.

Brigitte Jähnigen, Stuttgarter Zeitung