Premiere am 17. Januar 2019
Forum – Theater Stuttgart

Etty Hillesum

Etty Hillesum war eine niederländische jüdische Slawistik- und Psychologiestudentin, die nach ihrer Deportation nach Auschwitz im Jahr 1943 dort wenig später starb. In den Jahren 1941-1943 entstanden ihre Tagebücher.

Sichtbar wird der Weg einer Schriftstellerin, die angesichts der Unmenschlichkeit nicht in Resignation oder Haß verfällt, sondern auch in dieser historisch unvergleichlichen Entmenschlichung zur Bejahung des Lebens und zu einer folgenreichen Solidarität mit Tätern wie Opfern dieser Zeit findet.

Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgung, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes (…)….Ich finde das Leben schön und sinnvoll. Jede einzelne Minute.

Am 30. November 1943 meldete das Rote Kreuz ihren Tod in Auschwitz. Auch ihre Eltern und Brüder kamen ums Leben.

Inszenierung

Die Inszenierung sieht die musikalische und szenische Umsetzung der Tagebücher Ettys als modernes Musiktheater vor.
Eine dramatische und musikalische Bearbeitung für Szene und Gesang mit Komposition für ein bis drei Instrumente werden in Auftrag gegeben.

Die authentische Geschichte von Etty Hillesum stellt im Rahmen der historischen Geschichte die ganz aktuellen Fragen: In welchen Kraftfeldern bewegt sich das Individuum in politisch verordnetem und legitimiertem Hass? Welche Möglichkeiten einer Haltung sind gegeben? Welche sind die Folgen für unsere Gegenwart aus den Erkenntnissen und Erfahrungen der Geschichte? Wie ist menschliche Grausamkeit zu ertragen, ohne den Glauben an das Leben zu verlieren?

Etty Hillesums kraftvolle Sprache weist hin auf ihre tiefe Verbundenheit mit der schöpferischen Kraft der Liebe im Individuum. Ihre inneren und äußeren Auseinandersetzungen in Konfrontation mit dem politischen Horror des Holocaust läßt den Zuschauer teilhaben an einem persönlichen Reifungsprozess unvergleichlicher Konsequenz und Stärke. So stellt Ettys Zeugenschaft als Chronistin dieser Zeit über die historischen Bezüge hinaus zutiefst aktuelle Fragen an die Maßstäbe unseres persönlichen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

Die Geschichte ihrer seelisch geistigen Entwicklung im Koordinatensystem der vergangenen Zeit ist ein exemplarisches „Drama“ in chronologisch aufgebauten Einzelszenen. Figur und Raum verändern sich im gemeinsamem Prozess. Angesichts des „entgleisten Lebens“ werden ihre Fragen und Antworten umso klarer und schärfer. Lebt Etty zu Beginn in einer scheinbaren„Normalität“ und einem intakten sozialen Netz, behauptet sie sich angesichts zunehmender Isolierung und Lebensbedrohung umso vehementer gegen den politisch verordneten und systematisierten Hass.

In dem nur von Angst besetzten Dunkel der Baracke wird eine „Leuchtspur“ sichtbar, die das Recht auf menschliche Würde und Zuneigung allen Widerständen zum Trotz praktiziert und damit aufrecht erhält. Für Etty ist Ausschwitz der letzte Ort einer Entscheidung für gelebte Solidarität.

In szenisch und musikalisch prägnanten „Wendepunkten“ werden die Wandlungsmomente ihrer Biografie herausgearbeitet. Ettys Persönlichkeit mit ihrer tiefen und eindrucksvollen „Grundmelodie ihres Lebens“ ist keine gerade Linie, sondern ein immenses inneres Ereignis.

Textliche und musikalische Wiederholungen und Vertiefungen, Nachklänge und Wiederaufnahmen sollen eine komplexe Struktur ihrer Seelenlandschaft aufzeigen.

Auch wenn Ettys „Grundmelodie“ unter diesen konkreten Vorzeichen entstanden ist, ist sie zeitlos. Sie beruft sich auf unverrückbare und im Tiefsten zeitunabhängige Werte gelebter Menschlichkeit, die trotz immenser Menschheitsgeschichte noch immer auf Verwirklichung warten.

Erleben wir Etty anfangs noch in einem jugendlichen Labyrinth chaotischer Selbstbefragungen, sexueller Turbulenzen sowie fraulicher Emanzipationsbemühungen wird sie durch persönlich einschneidende Begegnungen und Erfahrungen zu einer Schriftstellerin und ganz intensiven Chronistin ihrer und selbstverständlich übertragen auch unserer Zeit.

Ihr Thema inmitten der größten Grausamkeit: Das „Schlachtfeld der Seele“ im Einzelnen. Dem zeitlich entwachsenen Hass entgegentretend wird ihre Stimme die des „Trotz“! Gerade wegen dieses „Trotz“, gerade gegen diesen Hasses tritt sie ein für die Sprache und Entdeckung der universellen Liebe als Urkraft im Menschen. Viktor Frankls „Trotzdem JA zum Leben sagen“ ist dabei ein zentraler Bezug.

Ettys Sprache ist und bleibt Utopie, das Bild einer „neuen Zeit“ in der Seele des Menschen. Ettys Stimme bleibt Vision. Das Vermächtnis Ihrer Sprache und Erfahrung der menschlichen Liebe aus dem göttlichen Ursprung konnten die Nazis nicht vernichten, sie hat überlebt und uns trotz immenser Widerstände erreicht. Ihre spirituelle Kraftquelle ist und bleibt Politikum.

Die inneren Stationen Ettys finden mit und in den abstrakten Raumbildern ein künstlerisches Abbild. Mit ihnen soll der Zuschauer die innere Bewegung auf allen Ebenen von Gesang, Schauspiel, Bewegung und Raum sinnlich miterleben. Das Bühnenbild will sich in Form abstrakter Zitate orientieren an Räumen wie den »Voids« im Jüdischen Museum Berlin. Der Zuschauer wird „Wegbegleiter“.

Mitwirkende

Start-Information

Etty Hillesum: Lena Sutor- Wernich
Komposition: Marco Bindelli
Libretto: NN
Dramaturgie: Johanna Dannhäuser
Bühnenbild: Silvio Motta
Regie: Ingeborg Waldherr